Samstag, 1. Juli 2017

»Fay« von Larry Brown




Wenn ich an die Südstaaten der USA denke, habe ich gleich die Bilder von flirrender Luft vor Augen, sehe meilenweit nur Flachland mit leichten Erhebungen und Äcker rund um mich herum, in meinen Ohren summen die Insekten und hoch über mir, an einem strahlend blauem Himmel scheint erbarmungslos die Sonne. Ich könnte auf der Veranda sitzen, eine Limonade oder einen Eistee schlürfen, oder ich würde mich im Garten im Pool abkühlen. Diese Vorstellung hat schon etwas unbeschwert romantisches, finde ich.
Doch diese Romantik sucht man in Larry Browns Fay vergebens.

Siebzehn Jahre hat es gedauert, bis Fay aus den USA zu uns nach Deutschland kam. Fay ist im amerikanischen Raum fast schon ein Klassiker, wunderlich, dass es so lange gedauert hat, bis wir in den Genuss kommen dürfen.

Inhalt:
Unerfahren, ungebildet und ungeliebt. Ein Zuhause kann man die Hütte im Wald nicht nennen, in der die siebzehnjährige Fay mit ihrem gewalttätigen Vater und den beiden jüngeren Geschwistern lebt. So beschließt sie eines Tages, aus dem Hinterland von Mississippis abzuhauen. Mit nichts als einer halben Packung Zigaretten und zwei Dollar in der Handtasche macht sie sich auf den Weg nach Süden Richtung Meer. Viele Männer kreuzen ihren Weg, nicht alle meinen es gut mit ihr.
Und nicht alle überleben die Geschichte.

Meinung:
In Larry Browns Roman, Fay, der nun endlich nach Deutschland gekommen ist, begleiten wir das siebzehnjährige und bildhübsche Mädchen Fay, die in einer Hütte in einem Wald wohnt. Ihr Alltag besteht aus schwerer Schufterei auf den umliegenden Feldern, und der unbarmherzigen Gewalt ihres Vaters. Sie träumt davon im Süden ein besseres unbeschwerteres Leben zu führen, von einem eigenem Haus in Biloxi.
So macht sie sich eines Tages, besser gesagt, eines Abends auf den Weg. Verlässt barfuss und mit wenigen Dollarscheinen in ihrer Tasche, ihr Heim. Verlässt ihre schwache Mutter, und ihre geliebten Geschwister. Fay hat die Schule nur wenige Jahre besucht, da ihr Vater der Ansicht war, dass dies nur Zeitverschwendung sei, dementsprechend hat sie von der Welt um sich herum keine Ahnung. Noch am selben Abend, an dem sie in Richtung Süden aufbricht, trifft sie auf eine Gruppe von Jungs und entgeht nur knapp einer Vergewaltigung.

Wenig später lernt sie Sam, einen Polizisten, kennen. Für ein paar Monate wohnt Fay bei ihm und seiner Frau, die wenig später bei einem Unfall ums Leben kommt. Sam und Fay kommen sich näher, das Resultat daraus ist Fays Schwangerschaft. Es kommt wie es kommen musste, denn die Harmonie ist nicht lange von Dauer. Sams Geliebte taucht plötzlich auf und nutzt den Tod seiner Frau aus, um ihren Platz einzunehmen und versucht Fay aus dem Weg zu schaffen. Nach einer Auseinandersetzung mit Sams Geliebten, flüchtet Fay und trampt weiter in Richtung Süden. Dort trifft sie wenige Tage später auf den Rausschmeißer Aaron, der sich, wie fast alle Männer um Fay herum, in sie verliebt, doch im Grunde nur auf Sex mit ihr aus ist, was Fay denkt und  wie sie sich fühlt, ist für Aaron uninteressant. Trotz der vielen Geschehnissen, in die Fay während ihrer Reise nach einem besseren Leben, erlebt, bleibt sie von diesen recht unbeeindruckt, sie bleibt weiterhin ungebrochen optimistisch, naiv und entscheidet frei aus dem Bauch heraus, zu wem sie ins Auto steigt, oder bei wem sie übernachtet, doch ihre Naivität hat sie es zu verdanken, dass sie nicht immer an Menschen gelangt, die es auch gut mit ihr meinen.
Immer wieder kreisen ihre Gedanken um Sam, wünschte sich, nicht abgehauen zu sein, sehnt sich danach wieder zu ihm zurückzukehren, doch die Ereignisse mit seiner Geliebten, hindert sie an diese Rückkehr und mit der Zeit drängt sich in Fay der Wunsch auf, ihre Mutter und ihre Geschwister in den Süden zu holen, weit weg von ihrem gewalttätigen Vater. Aaron geht auf diesen Wunsch von Fay ein und gemeinsam mit ihr fahren sie zurück, von wo Fay vor wenigen Monaten aufgebrochen war. Mit Entsetzen muss sie dann feststellen, dass ihre Hütte im Wald samt der Familie verschwunden ist.
Was das Ende dieses Romans und einer Odyssee im Süden der USA angeht, bin ich von diesem doch sehr enttäuscht. Da mache ich mit einer naiven Fay auf den Weg quer durch Mississipi um dann mit einem offenen Ende zurückgelassen zu werden. Ich bin ehrlich: ich kam mir auf Seite 644 ein wenig veralbert vor, denn mit diesem Ende habe ich persönlich keinen Abschluss von Fay nehmen können. Jetzt stelle ich mir natürlich die Frage: wie geht es nun mit Fay weiter? Wird sie ihre Familie wiederfinden? Wird sie zu Sam zurückkehren? Wird sie jemals sesshaft werden, oder irrt sie weiter durch die Südstaaten? All diese Fragen bleiben offen und lassen in mir eine unbefriedigendes gefühl zurück.

Wer in Fay eine Art Roadtrip-Roman wie Jack Kerouacs On the Road erwartet, ist hier falsch - und mit genau dieser Erwartung bin ich an diesen Roman herangegangen, um dann nach gut zweihundert Seiten enttäuscht zu werden, dass Fay, schon eigentlich an ihrem Ziel - in Biloxi - angekommen ist. Larry Brown hat einen sehr gewöhnungsbedürftigen Schreibstil, wie ich finde. Er schafft es zwar durch seinen schlichten, trockenen und teils ruppigen Schreibstil Bilder in meinem Kopf enstehen zu lassen, doch genau diese Ruppigkeit in seiner Schreibe hat mich des Öfteren aus dem Lesefluss gerissen, was ich wirklich schade finde. Auch was die Handlung an manchen Stellen angeht, fand ich diese zu sehr hinausgezögert, besser gesagt: in die Länge gezogen und ich denke, dass man diesen Roman um gute zweihundert Seiten hätte kürzen können und die daraus entstandene Dynamik dem Spannungsaufbau zu Gute gekommen wäre. Doch während des Lesens, nachdem ich mich an Larry Brwon gewöhnt hatte, habe ich festgestellt, dass es hier viel weniger um die Handlung an sich geht, sondern viel mehr um die Charaktere selbst. Larry Brown hat in Fay interessante Charaktere geschaffen, die ich entweder schnell ins Herz schließe, oder verabscheue.
Für mich ist Fay ein interessanter Roman, der nicht an allen Ecken und Kanten perfekt ist und ich für für Larry Browns Stil etwas Zeit zum eingewöhnen brauchte, ist dieser Roman dennoch lesenswert, denn mit der Zeit wachsen einem die Charaktere ans Herz und besonders zum Schluss hin, auf den letzten zweihundert Seiten, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

©Copyright: Foto: Tom Raskin
ÜBER LARRY BROWN
Larry Brown, geboren 1951 in Oxford, Mississippi, begann seine Schriftstellerkarriere als schreibender Feuerwehrmann. Nachdem er jahrelang erfolglos versucht hatte, seine Kurzgeschichten und Romane veröffentlicht zu bekommen, erschien 1988 unter dem Titel Facing The Music seine erste Kurzgeschichtensammlung. Weitere Short Storys und fünf Romane komplettieren das Werk des Mannes aus Mississippi, der auch außerhalb der Südstaaten Kultstatus besaß und vielfach ausgezeichnet wurde. Mit seinem Werk beeinflusste er viele Songwriter, von denen einige ihm nach seinem Tod infolge eines Herzinfarkts im November 2004 mit dem Tributalbum Just One More die Ehre erwiesen.

INFOS
Verlag: Heyne Hardcore / Seiten: 644 / Genre: Roman / Einband: Hardcover mit Schutzumschlag / Übersetzer: Thomas Gunkel / Preis: 22.99€ / ISBN: 978-3-453-27096-1
eBook: ISBN: 978-3-641-19658-5 / Preis: 18.99€
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Kommentare:

  1. Hallo Nico,
    offene Enden mag ich gar nicht! Besonders, wenn das Buch dann auch noch über 600 Seiten hat, fühlt man sich leicht veräppelt. Schade! Bis jetzt habe ich eigentlich nur Gutes über "Fay" gelesen, aber da ich offene Enden gar nicht mag, kommt es nun doch nicht in mein Bücherregal.
    Liebe Grüße
    Martina
    http://martinasbuchwelten.blogspot.co.at/

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    1. Hallo Martina,

      ich bin auch kein großer Fan von offenen Enden, diese haben mich als Leser immer unbefriedigt zurückgelassen, ich bin eher der Meinung, dass wenn man einen Einzelroman schreibt, diesen auch vernünftig beenden sollte - außer man weiß während des Schreibens, dass da noch Stoff für Mehr ist, dann würde ein offenes Ende schon Sinn ergeben, um Neugier auf eine Fortsetzung zu wecken. Aber leider gibt es zu »Fay« keine Fortsetzung. Oder Larry Brown hätte sich für den Epilog mehr Zeit nehmen sollen. So macht es für mich den Eindruck, dass er das Buch einfach schnell beenden wollte. Schade.

      Lieben Gruß,
      Nico

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